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Die letzte Zeit im Leben

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Hospizarbeit - Eine Brücke zwischen Leben und Tod

von Carolin Scheidel
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Im Hospiz werden kranke Menschen aufgenommen, für die es keine Heilung mehr gibt. Eine Aufnahme erfolgt in den meisten Fällen, wenn eine Behandlung im eigenen Zuhause nicht mehr möglich ist und alle Therapien beendet sind. Wenn klar ist, dass die Erkrankung zum Tode führen wird.

Das Hospiz wird als eine besondere Form der Herberge verstanden, die zu betreuenden Personen werden "Gäste" genannt.
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Bundesweit gibt es ca. 230 stationäre Hospize für Erwachsene und ca. 17 Hospize für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die stationären Hospize haben jeweils etwa zehn Betten. Pro Jahr werden dort mehr als 30.000 Menschen versorgt. Allein in der Erzdiözese Freiburg gibt es 13 Hospize. Die verschiedenen Träger sind unter anderem Caritas, Diakonie, Kliniken, Orden oder Fördervereine.

Das Hospiz Karl Josef in Freiburg verfügt über acht Betten. Ein Hospiz, das während der Recherche besucht wurde. Um die 25 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren sich dort vor Ort und kümmern sich um das Mittag- und Abendessen. Durchschnittlich verbringen die Gäste im Hospiz 16 Tage. Manchmal sind es aber auch nur ein paar Tage.
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Sr. Miriana Fuchs

Leiterin Hospiz Karl Josef, Freiburg

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Zu den Zielen der Hospizarbeit gehört es, den ganzen Menschen, mit seinen körperlichen, psychischen und spirituellen Bedürfnissen, zu sehen. Die Mitarbeitenden versuchen, sich nach den persönlichen Wünschen der Gäste und Angehörigen zu richten und dann über das Vorgehen zu entscheiden. So gibt es zum Beispiel keine festen Besuchs- oder Essenszeiten.

Man müsse das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz gut abwägen können, sagt Dörte Fuchs, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz Karl Josef. "Das muss man als Mitarbeiterin lernen."

Um erste Kenntnisse im Umgang mit Sterbenden zu erlangen, gibt es für ehrenamtliche Mitarbeiter auch die Möglichkeit, eine qualifizierte Hospizausbildung zu absolvieren. Dazu gehört zum Beispiel, dass man eine Person nicht ungefragt berührt oder das richtige Verhalten erlernt, wenn ein Gast im Sterben liegt.











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„Das ist keine beliebige Zeit, das ist die letzte Zeit“

Dörte Fuchs richtet das Abendessen
Dörte Fuchs richtet das Abendessen
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Über was rede ich mit einer Person, die bald sterben wird? „Das werden Sie gleich sehen“, sagt Dörte Fuchs und stellt eine Schüssel mit Fleischsalat auf den silberfarbenen Servierwagen. Sie ist ehrenamtliche Mitarbeiterin im Hospiz St. Josef in Freiburg. Es ist halb sechs an einem Mittwochabend. Dörte Fuchs eilt schnell die Treppen des Hospizes hoch, um sich umzuziehen. „Früher waren die Gäste im Schnitt um die 16 Tage im Hospiz, mittlerweile ist die Verweildauer kürzer.“ Es gebe auch Hospize, die nur Halbtagsbeschäftigte haben, um ihnen die Verarbeitung der vielen Abschiede zu erleichtern, erzählt sie. In einem kleinen Ankleidezimmer unter dem Dach hat sie trockene und bequeme Schuhe stehen. Ihren Rucksack stellt sie in einen der Spinde und steckt sich ein Namensschild an. Dörte Fuchs ist selbstständige Übersetzerin und Lektorin und seit zwölf Jahren im Hospiz tätig. Damals war sie auf der Suche nach einem passenden Ehrenamt, wollte in einem Bereich arbeiten, wo sie etwas lernen und sich weiterentwickeln kann. „Ich tue das, was ich an dem Abend Gutes tun kann für die Gäste.“ Jeden zweiten Mittwoch bereitet Fuchs im Hospiz das gemeinsame Abendessen vor, deckt den Tisch und isst gemeinsam mit Mitarbeitenden und den Gästen.

„Gefühle zulassen, aber sich nicht in den Strudel ziehen lassen“

Der ständige Abschied erfordere von den Mitarbeitern die Balance, sich zu schützen und gleichzeitig nicht abzustumpfen. „Gefühle zulassen, aber sich nicht in den Strudel ziehen lassen“, sagt Fuchs und eilt schnell in ein Arbeitszimmer im zweiten Stock. Gemeinsam mit Bettina Lange, Krankenpflegerin hier im Hospiz, spricht sie über den aktuellen Zustand der Gäste und das gleich anstehende Essen. Während ein Gast zwar aufstehen könne, sich aber nicht aus dem Zimmer traue, ist eine andere Person schläfrig und bleibt im Bett. Eine Frau, an Brustkrebs erkrankt, würde an den Tisch kommen. Weitere Gäste müsse man noch im Zimmer aufsuchen und nach dem Essen fragen. „Dann legen wir mal los“, sagt Fuchs. Im Kühlschrank stehen bereits Nudel- und Feldsalat, eine Wurst- und Käseplatte sowie gekochte Eier. Nach und nach füllt die ehrenamtliche Mitarbeiterin den Servierwagen mit Speisen. Bevor das Essen beginnt, zieht sie einen „Spickzettel“ aus der Hosentasche. Darauf vermerkt sind die Namen der Gäste, die sie auf dem Zimmer besucht und die nicht am Tisch erscheinen werden. „Hier richtet sich alles nach den Gästen, auch wenn jemand erst später was essen möchte, ist das kein Problem“, erklärt die 55-jährige Frau. Kurz darauf verschwindet sie in einem der Gästezimmer. 

"Das Sterben ist ein Teil vom Leben, bis zum Schluss“

In den stationären Hospizen werden Menschen aufgenommen, die in ihrem Zuhause nicht mehr behandelt werden können. Die Verweildauer der Sterbenden ist recht unterschiedlich. Wenn jemand länger da sei, falle der Abschied oft schwer. „Ich erinnere mich an eine Frau, die ein halbes Jahr im Hospiz lebte. Als ich aus dem Urlaub gekommen bin war sie weg und ihr Zimmer belegt. Noch heute denke ich an sie und verbinde dieses Zimmer mit ihr.“ Für viele sei der Tod „wie eine dunkle Wolke, an die sie nicht denken möchten. Hier wird aber auch gelacht und die Angehörigen sind da. Das Sterben ist ein Teil vom Leben, bis zum Schluss“, erzählt Dörte Fuchs. „Wenn die Personen jünger sind als man selbst, ist das manchmal schon besonders schwierig. Der Umgang mit dem Tod ist sehr verschieden. Man kann nicht vorhersagen, wie sich das entwickelt. Es gibt Gäste, die viel Angst haben, aber auch andere, die große Ruhe ausstrahlen und sagen, sie seien so weit und sie möchten jetzt gehen.“
Dörte Fuchs richtet das Abendessen
Dörte Fuchs richtet das Abendessen
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Ein gemeinsames Essen im Speiseraum (Quelle: Hospiz Karl Josef)
Ein gemeinsames Essen im Speiseraum (Quelle: Hospiz Karl Josef)
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Gemeinsam wird gelacht, aber auch über ernste Themen gesprochen

Sobald der Tisch gedeckt ist, nehmen Gäste und Mitarbeiter Platz. Schalen mit Speisen werden herumgereicht. Annemarie Baumgärtner hat sich hingegen einen Brei mitgenommen. Das würde ihr besser schmecken. Die Themen am Tisch wechseln, je nachdem, wer sich in das Gespräch mit  einbringt. Mal geht es um die Gewürze im Essen, mal um den besten Bäcker in Freiburg. Annemarie Baumgärtner, die früher viel gewandert ist und sich für gesunde Ernährung interessiert, holt ein Glas mit Gemüseaufstrich aus ihrem Zimmer und zeigt es am Tisch. Auch von Weihnachten, in vier Wochen, ist die Rede. Der große Tannenbaum hinter dem Hospiz soll auch dieses Jahr beleuchtet werden – pünktlich zum ersten Advent. Auch privat hätte sie schon einen Adventskalender gebastelt. Nur die Suche nach kleinen Zweigen für den Kranz hätte sich nicht so einfach gestaltet. Es herrscht eine lockere Stimmung. Gemeinsam wird gelacht, aber auch über ernste Themen gesprochen. Kaum merklich ist eine ältere Dame eingeschlafen. Die Scheibe Brot hält sie noch in ihren Händen.

„Es ist ein Teil des Lebens und nichts, was abseits der Gesellschaft stattfinden muss“ 

Wer von einem ambulanten Hospiz- oder Palliativteam zu Hause betreut werden könne und wer im stationären Hospiz besser aufgehoben sei, ist von der jeweiligen Situation abhängig, sagt Fuchs. „Es gibt Menschen, die niemanden haben oder ängstlich sind oder körperlich eine aufwändige und anstrengende Versorgung brauchen. Das stationäre Hospiz entlastet Angehörige, sie können durchatmen und wissen, dass der Gast gut versorgt ist.“ Nachdem der letzte Gast aufgestanden ist, räumt Dörte Fuchs den Tisch ab. Gerade als sie die Spülmaschine füllt, kommt die zuvor noch sehr müde wirkende ältere Frau mit ihrem Rollator auf sie zu. Sie möchte beim Abräumen helfen. So bekommt sie von Dörte Fuchs einen Lappen, um den Tisch abzuwischen. „Es ist ein Teil des Lebens und nichts, was abseits der Gesellschaft stattfinden muss“, sagt sie zum Abschied.


*Die Namen der betreffenden Personen wurden im gesamten Text geändert.
Ein gemeinsames Essen im Speiseraum (Quelle: Hospiz Karl Josef)
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Schwester Miriana vor dem Erinnerungsbuch
Schwester Miriana vor dem Erinnerungsbuch
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In dem Raum der Stille können sich Mitarbeitende, Angehörige und Gäste zurückziehen. Große Bücher mit Fotos und Briefen erinnern an die ehemaligen Gäste. "Die Mitarbeitenden brauchen Zeit, um das Geschehen zu verarbeiten", sagt Schwester Miriana. "Mein Team soll stabil sein und mitkommen können." 

Der Verstorbene darf noch bis zu 24 Stunden im Zimmer bleiben. So dass ein Raum des Abschieds für die Angehörigen möglich ist und im Anschluss das Zimmer geräumt und gerichtet werden kann. Diese Zeit ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Trauerarbeit für alle Beteiligten. Auch Supervisionen oder Teamgespräche helfen den Mitarbeitenden, mit der Trauer umzugehen.





Schwester Miriana vor dem Erinnerungsbuch
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Sr. Miriana Fuchs

Leiterin Hospiz Karl Josef, Freiburg

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Dr. Verena Wetzstein

Projektleiterin des Palliative Care Forums der Erzdiözese Freiburg

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Das "Palliative Care Forum" der Erzdiözese Freiburg verfolgt das Ziel, gemeinsam mit anderen Akteuren in der Gesellschaft die Situation für Sterbende und ihre Angehörigen weiter zu verbessern. Durch Impulse und Pilotprojekte sollen Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in der Hospiz- sowie Palliativarbeit stärker vernetzt werden. Wichtig sei es, auch ethische Fragen wie etwa diejenige nach dem "eigenen Tod" zu diskutieren, sagt Dr. Verena Wetzstein, Leiterin der Initiative. So werden zum Beispiel im Rahmen eines Modellprojektes palliativ-ethische Fallbesprechungen mit ambulanten Teams durchgeführt, die Entscheidungen um das Lebensende erleichtern sollen.

Weitere Infos unter:
www.palliative-care-forum.de/

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Weil Sterben auch Leben ist...

Miriana Fuchs öffnet die Tür eines "Gästezimmers"
Miriana Fuchs öffnet die Tür eines "Gästezimmers"
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Ein Ehrenamt, das persönlich berührt. Der Trauer und der Freude werden im Hospiz Raum und Zeit gegeben. Für die Hospizarbeit ist es unerlässlich, dass ehrenamtlich Engagierte eine Verbindung zwischen dem Leben "draußen" und der Zeit im Hospiz aufbauen. Auf einem Flyer im Hospiz steht groß gedruckt: "Den Tagen mehr Leben geben". Mehr Leben bringen die ehrenamtlichen Mitarbeiter in das Hospiz. Dabei variieren Gesprächsthemen und der allgemeine Umgang von Gast zu Gast - je nach dessen Befinden. Zeit und Freude schenken sowie auf die persönlichen Bedürfnisse eingehen, das sind die Ziele in der ehrenamtlichen Hospizarbeit.

Das Sterben gehört im Hospiz zum Leben dazu. Dass die Themen Tod und Sterben auch in unserer heutigen Gesellschaft ein Thema bleiben, dazu tragen die ehrenamtlichen Mitarbeiter bei.
Miriana Fuchs öffnet die Tür eines "Gästezimmers"
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Ehtik und Finanzen

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